Zwischen Beute, Brot und Pizza

Die Frage, ob der Hund nun Karnivor oder Omnivor ist, wirkt auf den ersten Blick wie eine reine Begriffsdebatte. Tatsächlich berührt sie aber grundlegende Aspekte der Biologie, der Domestikationsgeschichte und auch der Verantwortung des Menschen für die Ernährung seines Hundes.
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Um sie sinnvoll zu beantworten, muss man sauber unterscheiden zwischen Anatomie und Physiologie des Hundes einerseits und seiner ökologischen Anpassungsfähigkeit im menschlichen Umfeld andererseits.
Zunächst einmal ist der Hund biologisch klar in der Ordnung Carnivora verortet – und dieser karnivore Grundbauplan ist bis heute sichtbar.
Das beginnt beim Gebiss.
Der Hund besitzt ein typisches Scherengebiss mit ausgeprägten Fangzähnen und Reißzähnen, die darauf ausgerichtet sind, Beute zu fassen, zu halten und Fleischfasern abzuscheren. Es fehlen ihm breite, flache Mahlzähne, wie sie etwa bei klassischen Omnivoren oder Herbivoren zu finden sind, die pflanzliches Material zerquetschen und zerkleinern können.
Die Zahnkronenform ist scharf, messerartig, nicht mahlend. Auch die Kiefermechanik ist auf dieses Funktionsprinzip abgestimmt:
Das Kiefergelenk ist starr eingelenkt, der Unterkiefer lässt sich im Wesentlichen nur auf und ab bewegen.
Ein seitliches Mahlen, wie es etwa für das effektive Zerreiben von Körnern, Saaten oder faserreichen Pflanzenteilen erforderlich wäre, ist dem Hund anatomisch gar nicht möglich. Wenn ein Hund auf einem Stück Trockenfutter oder einem Korn „kaut“, dann knackt oder zerbricht er es in wenige Stücke – er mahlt es aber nicht zu einem feinen Brei, wie es ein echter Pflanzenfresser tun würde.
Diese anatomische Ausrichtung setzt sich im Verdauungstrakt fort.
Der Darm des Hundes ist im Verhältnis zur Körperlänge eher kurz und entspricht damit dem typischen Muster eines Fleischfressers. Fleisch und Fett lassen sich enzymatisch relativ schnell aufschließen und benötigen keine langen Gärungsprozesse.
Pflanzenfresser und ausgeprägt omnivore Arten haben wesentlich längere Därme und oft spezialisierte Gärkammern, um pflanzliche Zellwände, Fasern und komplexe Kohlenhydrate über Fermentation überhaupt nutzbar zu machen.
Diese Strukturen fehlen dem Hund.
Auch die Magensäure ist stark, was für Karnivoren typisch ist, die rohes Fleisch und potenziell kontaminiertes Aas sicher verdauen müssen. Eine derart aggressive Magensäure ist für den Abbau von tierischem Gewebe ideal, sie ist jedoch kein Hinweis auf eine besondere Befähigung zum Aufschluss unverarbeiteter pflanzlicher Nahrung.
Schaut man auf die Enzymausstattung, wird die karnivore Basis ebenfalls deutlich.
Hunde verfügen über ein breites Spektrum an Proteasen und Lipasen, also Enzymen zur Verdauung von Eiweiß und Fett. Klassischerweise besitzen Karnivoren keine Amylase im Speichel, und das gilt auch für den Hund.
Das bedeutet, dass die enzymatische Vorverdauung von Stärke bereits im Maul – wie beim Menschen – nicht stattfindet.
Die Stärkeverdauung beginnt beim Hund erst im Dünndarm mit der Amylase aus dem Pankreas.
Hier setzt jedoch ein Punkt an, der in der Domestikationsforschung viel diskutiert wurde: Hunde haben im Vergleich zu Wölfen eine erhöhte Kopienzahl bestimmter Gene, die für Amylaseproduktion verantwortlich sind.
Sie können also mehr Amylase bilden und damit gekochte Stärke besser nutzen als ihr wölfischer Vorfahr.
Diese Anpassung wird manchmal vorschnell als Beleg dafür interpretiert, dass der Hund ein „Omnivor“ geworden sei.

Tatsächlich handelt es sich aber primär um eine ökologische und genetische Anpassung an die Nähe des Menschen und seine Abfälle – nicht um eine grundlegende Umgestaltung der gesamten Verdauungsphysiologie in Richtung eines echten Allesfressers. Entscheidend ist, was diese Amylase in der Praxis leisten kann und unter welchen Bedingungen.
Stärke ist ein Speicherpolysaccharid und in vielen Pflanzen, vor allem in Körnern, in einer Form eingebettet, die roh schlecht zugänglich ist. Der Hund ist weder zahn- noch speichelseitig dazu in der Lage, ein Getreidekorn fein zu zermahlen oder seine Struktur so weit aufzubrechen, dass Enzyme optimal angreifen könnten.
Ihm fehlen sowohl die mahlenden Backenzähne als auch die horizontale Kieferbewegung hierfür.
Ein ganzes Korn passiert den Verdauungstrakt in der Regel weitgehend unverdaut.
Damit Stärke im Verdauungstrakt des Hundes tatsächlich genutzt werden kann, muss sie vorher technologisch aufgeschlossen werden – durch Erhitzen, Kochen, Extrudieren, Flockieren oder andere Verfahren der Lebensmitteltechnologie.
Erst wenn die Stärkemoleküle durch diese Prozesse „gegelatinisiert“ und damit enzymatisch besser zugänglich gemacht wurden, kann die pankreatische Amylase des Hundes greifen und die Stärke in verwertbare Zuckerbausteine spalten.
Das bedeutet: Der Hund hat zwar eine evolutionär erworbene Fähigkeit zur Stärkespaltung, aber er ist nicht von sich aus in der Lage, stärkehaltige pflanzliche Nahrung in ihrer natürlichen Form so zu bearbeiten, dass sie voll nutzbar wäre.
Die Kompetenz zur Nutzung dieser Energiequelle ist an die Vorarbeit des Menschen gebunden.
Auch das intestinale Mikrobiom des Hundes spiegelt seinen karnivoren Hintergrund wider.
Es ist auf die Verarbeitung eiweiß- und fettreicher Nahrung ausgerichtet, mit Bakterienspektren, die proteolytische und lipolytische Prozesse unterstützen. Zwar gibt es auch bakterielle Gemeinschaften, die Kohlenhydrate und gewisse Faseranteile fermentieren können, doch Umfang und Effizienz dieser Prozesse bleiben im Vergleich zu echten Pflanzenfressern oder ausgeprägt omnivoren Arten begrenzt.
Auch hier zeigt sich: Der Hund kann pflanzliche Komponenten tolerieren und teilweise nutzen, aber sein Verdauungssystem ist nicht darauf spezialisiert, aus roh-faserreicher oder unverarbeiteter pflanzlicher Nahrung optimal Energie zu gewinnen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die oft zitierte „Omnivorie“ des Hundes nur dann Sinn ergibt, wenn man sie in einem ganz bestimmten Kontext betrachtet: der Symbiose mit dem Menschen.
Im Verlauf der Domestikation lebten Vorfahren des Hundes in der Nähe menschlicher Siedlungen und profitierten von Abfällen, Essensresten und Futter, das der Mensch ihnen zur Verfügung stellte.
Diese Umwelt war deutlich anders als die ökologische Nische des Wolfes. Durch die wiederholte Exposition gegenüber stärkehaltigen Nahrungskomponenten – Brot, Getreidebrei, Speisereste – bot sich ein Selektionsvorteil für Individuen, die diese zusätzliche Energiequelle besser nutzen konnten.
Die erhöhte Amylaseaktivität ist Ausdruck dieser Anpassung an ein vom Menschen geprägtes Nahrungsangebot.
Damit ist der Hund in der modernen Umwelt des Menschen ein ökologisch flexibler Fleischfresser, der dank genetischer Anpassungen und technologischer Aufbereitung der Nahrung auch Stärke verdauen und nutzen kann. Diese Fähigkeit macht ihn jedoch nicht automatisch zu einem physiologischen Omnivoren im gleichen Sinne wie den Menschen oder das Schwein.
Ein echter Omnivor ist anatomisch, physiologisch und mikrobiologisch so ausgestattet, dass er pflanzliche und tierische Nahrung gleichermaßen in ihrer natürlichen oder nur minimal verarbeiteten Form effizient verwerten kann. Er verfügt über geeignete Mahlzähne, entsprechende Kiefermechanik, eine passende Verdauungslänge und ein Mikrobiom, das auf eine hohe Bandbreite von Nahrungsquellen ausgerichtet ist.
All das trifft auf den Hund nur eingeschränkt zu.
Besonders anschaulich wird der Unterschied, wenn man sich vorstellt, der Mensch fiele aus dieser Symbiose heraus.
Ein Hund, der nicht von menschlicher Technologie, Kochen und Müll profitiert, hätte unter natürlichen Bedingungen in freier Wildbahn gar nicht die Möglichkeit, regelmäßig aufgeschlossene Stärke zu sich zu nehmen.
Er wäre auf Beutetiere, Aas und vielleicht saisonal verfügbare Beeren und andere energiereiche Pflanzenteile angewiesen – also auf eine Diät, die der des Wolfes sehr nahekommt. In solchen Szenarien zeigt sich immer wieder, dass freilebende oder verwilderte Hunde sich überwiegend karnivor ernähren, wenn die Umweltbedingungen es erlauben.
Sie kehren damit faktisch zu einer wölfischen Ernährungsweise zurück, ohne dass ihr Organismus dadurch überfordert wäre. Das unterstreicht, dass der karnivore Grundbauplan nach wie vor tragfähig und funktional ist.
Die häufig getroffene Aussage, der Hund sei ein „Omnivor“, ist daher nur dann sinnvoll zu verstehen, wenn man sie präzisiert: Der Hund ist ein karnivorer Generalist, der in Symbiose mit dem Menschen und aufgrund domestikationsbedingter Anpassungen in der Lage ist, neben tierischer auch technologisch aufbereitete pflanzliche Nahrung, insbesondere Stärke, zu verwerten.
Ohne den Menschen, seine Kochkunst und seine Abfälle würde diese „Omnivorie“ weitgehend bedeutungslos.
Physiologisch bleibt der Hund ein Fleischfresser mit erweiterten Nutzungsmöglichkeiten, nicht ein echter Allesfresser, der unabhängig vom Menschen beliebige pflanzliche Kost effizient verarbeitet.
Aus kynologisch-wissenschaftlicher Perspektive lässt sich die Position daher wie folgt zusammenfassen: Der Hund ist physiologisch ein Karnivor – seine Zähne, seine Kiefermechanik, sein Verdauungstrakt, seine Enzymausstattung und sein Mikrobiom tragen eindeutig die Merkmale eines Fleischfressers.
Die evolutionär erworbene Fähigkeit zur Stärkespaltung ist eine Anpassung an die vom Menschen geprägte Umwelt und setzt voraus, dass Stärke vorher durch menschliche Verarbeitung verdauungsfähig gemacht wurde.
Nur in dieser engen Symbiose mit dem Menschen lässt sich der Hund als „omnivor nutzungsfähig“ bezeichnen. Ohne diese Symbiose wäre er zu einer überwiegend wölfischen Diät gezwungen – und er könnte ohne weiteres zu einer solchen Ernährung zurückkehren.
Herzlich, kritisch, hundeverliebt – eure Petra Puderbach-Wiesmeth
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Foto: mit Ki generiert, Petra Puderbach-Wiesmeth
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