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Hundewissen einfach erklärt

Warum Trauer um Haustiere wichtig ist

Abschied von tierischen Gefährten: Warum Trauer um Haustiere wichtig ist

Die Trauer um den Verlust eines Haustieres wird oft unterschätzt, obwohl sie intensive emotionale Reaktionen hervorruft, die denen des Verlustes eines Menschen ähneln können. Trotz zahlreicher Studien und Beobachtungen findet der Verlust von Haustieren in Trauertheorien und -modellen wenig explizite Berücksichtigung. Dennoch zeigen Untersuchungen, dass der Verlust eines Tieres mit tiefgreifenden Gefühlen wie innerer Leere, Einsamkeit, Schuld, Sehnsucht und Gewissensbissen verbunden sein kann. Auch Phänomene wie Betäubung, Unglaube, der Drang zur Erinnerung und das Gefühl, einen Teil der eigenen Persönlichkeit verloren zu haben, treten häufig auf.

Ein Viertel der Betroffenen neigt dazu, Trauer zu vermeiden oder zu unterdrücken, was als "gehemmte Trauer" zu Depressionen, Angst und Wut führen kann. Zudem erleben etwa 30 % der betroffenen Tierhalter ernsthafte Trauer, die sich in anhaltender Beschäftigung mit dem Verlust und in Anzeichen einer fortbestehenden Bindung äußern kann. Analog zu den Beobachtungen von *John Bowlby bei trauernden Witwen, die Probleme beim Ablegen von Gewohnheiten und bei der Anerkennung der Verlustrealität haben, spiegeln trauernde Tierhalter ähnliche Muster wieder. Dazu zählen auch das bewusste Aufrechterhalten der Verbindung zum Tier durch Träume, Gespräche oder die Wahrnehmung seiner Präsenz, beispielsweise im Wohnraum, am Grab oder in Erinnerungen. Häufig wird diese Verbindung als tröstlich empfunden, kann jedoch auch das Loslassen erschweren.

*Laut John Bowlby (1980) ist die Übertragung der Präsenz des Toten auf eine andere Person oder ein Tier als Fehlverortung ein Anzeichen pathologischer Trauer – dass Besitzerinnen häufig von der Übernahme einiger Charakterzüge oder Gewohnheiten ihrer verstorbenen durch verbliebene oder neue Tiere berichten, wäre bei einer direkten Übertragung der Bindungstheorie auf Trauer um Haustiere von gravierender Bedeutung.

Auch visuelle und auditive Wahrnehmungen der Anwesenheit verstorbener Haustiere wurden von vielen Haltern beschrieben. Interessanterweise können ähnliche Reaktionen bereits bei längeren Trennungen, etwa durch Urlaub, auftreten. Dabei ist unklar, in welchem Maße diese Trauerphänomene auf Gewohnheit basieren. Während einige Studien eine Ähnlichkeit der Trauer um Tiere und Menschen feststellen, weisen andere auf grundlegende Unterschiede hin, die die Trauer um Tiere als weniger belastend oder als einzigartig intensiv beschreiben.

Die Bindungstheorie von *John Bowlby bietet einen Ansatz zur Erklärung der Trauerintensität sowohl bei Menschen als auch bei Haustieren: Je länger und stärker die Beziehung war, desto intensiver ist meist die Trauer. Haustiere werden zunehmend als Familienmitglieder angesehen, deren Verlust für viele Menschen eine ähnliche Rolle spielt wie der Verlust eines präpubertären Kindes. Dabei nehmen Tiere eine besondere Stellung ein, die sie von menschlichen Angehörigen unterscheidet. Sie bieten Eigenschaften wie Kritiklosigkeit, Wertfreiheit und unbedingte Akzeptanz, die menschliche Beziehungen oft ergänzen oder übertreffen.

*Exkurs: Die Bindungstheorie von *John Bowlby beschreibt die tiefen emotionalen Verbindungen, die sich zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen entwickeln. Sie basiert auf der Annahme, dass Bindung ein angeborenes menschliches Bedürfnis ist, ähnlich wie Essen oder Schlafen. Bowlby betonte, dass eine sichere Bindung in der Kindheit entscheidend für die emotionale Entwicklung und stabile Beziehungen im Erwachsenenalter ist.

Die Theorie unterscheidet vier Bindungstypen:                          

  • Sichere Bindung: Das Kind fühlt sich sicher und vertraut seiner Bezugsperson. 
  • Unsicher-vermeidende Bindung: Das Kind zeigt äußerlich Unabhängigkeit, ist aber innerlich gestresst.
  • Unsicher-ambivalente Bindung: Das Kind ist ängstlich und abhängig von der Bezugsperson.
  • Desorganisierte Bindung: Das Kind zeigt widersprüchliches Verhalten und empfindet die Beziehung als bedrohlich.

Die Trauer um Haustiere zeigt sich besonders intensiv bei plötzlichem Tod und alleinlebenden Haltern. Sie wird jedoch nicht durch Faktoren wie die Spezies des Tieres, die Länge der Haltung oder die Zeit seit dem Verlust beeinflusst. Auch Tiere ohne soziale Bindungen können stark betrauert werden, was die Bedeutung von subjektiver Wahrnehmung und individueller Konnotation (Verbindung) unterstreicht. Haustiere erfüllen nicht alle Funktionen menschlicher Beziehungen, besitzen jedoch einzigartige Qualitäten, die sie zu unverzichtbaren Gefährten machen.

Durch die spezifischen Charakteristika der Mensch-Tier-Beziehung und die emotionalen Rollen, die Tiere innerhalb der Familie einnehmen, verdient die Trauer um sie besondere Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie ist ein Thema, das nicht länger tabuisiert werden sollte, sondern Unterstützung und Wertschätzung erfordert.

Die intensive Trauer um Tiere ist kein Phänomen unserer modernen Zeit oder das Resultat einer engeren Mensch-Tier-Beziehung, einer humaneren Tierethik oder zunehmender Vermenschlichung von Haustieren. Historische Quellen wie Gräber, Inschriften, Trauerpoesien und Totenklagen für Tiere zeigen, dass Tierverluste schon immer emotional tief empfunden wurden. Besonders in der frühen Neuzeit rückte der emotionale Aspekt verstärkt in den Vordergrund, während Kulthandlungen an Bedeutung verloren. Im 19. Jahrhundert nahm die öffentliche Trauer um Tiere eine geradezu übersteigerte Form an, und auch in der Antike finden sich zahlreiche poetische Grabinschriften. Manche historische Berichte schildern enge Bindungen, etwa zwischen Kaisern und ihren Pferden. Solche Darstellungen dienten nicht nur der Erinnerung, sondern oft auch politischen Zwecken, um die Menschlichkeit und Nähe der Herrschenden hervorzuheben.

Trauergedichte, die von einfacher Kunstfertigkeit bis zu hochliterarischem Niveau reichen, hatten für die Verfasserinnen unterschiedliche Funktionen: Sie bewahrten die Erinnerung an das verstorbene Tier und dienten als Ausdruck der Trauer. Selbst Texte mit ironischem Tonfall könnten ernsthaft gemeinte Trauerbekundungen sein, die durch Humor die bittersüßen Aspekte des Verlustes betonten und Lesern Trost spenden sollten. Unabhängig vom ursprünglichen Zweck solcher Zeugnisse zeigen sie, dass Tiere häufig als individuelle Persönlichkeiten gesehen wurden, deren Verlust tief empfunden wurde.

Die Psychoanalyse betont, dass dem Menschen eine Grundangst vor Verlassenwerden innewohnt. Diese Angst verbindet Verluste von Menschen und Tieren gleichermaßen, da beide den Tod als existenzielle, emotionale Erfahrung teilen. Besonders Kinder machen den Tod eines Haustieres häufig zu ihrer ersten Konfrontation mit dem Verlust. Der Tod eines Tieres kann dadurch zu einer besonders einschneidenden Erfahrung werden, auch wenn das soziale Gefüge in der Familie – anders als beim Tod eines Menschen – nicht unmittelbar betroffen ist.

Ein einzigartiger Aspekt der Trauer um Tiere ist die Euthanasie, die Halter vor moralische Dilemmata stellt. Die Verantwortung für das Wohl des Tieres steht dabei im Konflikt mit dem ethischen Tötungsverbot. Der Tod des Tieres wird oft als größtes Opfer empfunden, das nur zum Wohl des Tieres und nie zum Vorteil des Halters gerechtfertigt ist. 

Haustiere nehmen in unserem Leben eine besondere Rolle ein: Sie sind Sozialpartner und verlässliche Begleiter, ohne jedoch alle Facetten menschlicher Beziehungen zu ersetzen. Gleichzeitig bieten sie einzigartige Qualitäten wie bedingungslose Akzeptanz und ständige Präsenz, die menschliche Bindungen ergänzen oder sogar übertreffen.

Einige Halter vergleichen die Trauer um Tiere mit der Trauer um Kinder. Während der Verlust eines Kindes in seiner Intensität, Dauer und seinen Auswirkungen laut Studien als schwerwiegendster Verlust gilt, empfinden Tierhalter ihre Trauer ebenfalls oft als außergewöhnlich tiefgreifend. Tiere erfüllen dabei ähnliche Funktionen wie Kinder, etwa als Erweiterung des Selbst oder als Quelle von Stolz, erreichen jedoch nicht deren vollständige Bedeutung in der Eltern-Kind-Beziehung.

Die Trauer um Tiere zeigt, dass sie mehr als bloße Gefährten sind: Sie sind Teil des emotionalen Familienkreises und prägen das Leben ihrer Halter auf einzigartige Weise. Der Verlust eines Tieres hinterlässt nicht nur eine Lücke, sondern wirft auch grundlegende ethische und emotionale Fragen auf, die mit Respekt und Sensibilität behandelt werden sollten.

Kinder und Haustiere übernehmen in menschlichen Leben häufig Rollen wie die von Begleitern, Helfern, Partnern und Freunden. Trotz dieser Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die moralischen Verhältnisse: Während bei Kindern eine emanzipatorische Erziehung im Mittelpunkt steht, liegt der Fokus bei Tieren auf dem Schutz ihrer Verletzlichkeit.

Die Mitglieder von „Compassionate Friends“, einer Organisation für Eltern, deren Kinder durch fremdes Verschulden ums Leben kamen, betonen die Einzigartigkeit der Trauer um ein Kind und lehnen jegliche Vergleichbarkeit ab. Dennoch lassen sich menschliches Verhalten und Trauer aus unterschiedlichen psychologischen Perspektiven betrachten. Es gibt sowohl Gesetzmäßigkeiten, die für alle Menschen gelten, als auch individuelle Reaktionen, die nur in manchen Aspekten übereinstimmen oder völlig einzigartig sind. Charakteristische Unterschiede zwischen Gruppen müssen daher nicht auf jeden Einzelnen zutreffen.

Vergleiche dienen häufig als sprachliche Mittel, um komplexe Zusammenhänge zu verdeutlichen, indem sie Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Bereichen hervorheben, ohne Gleichsetzung zu implizieren. So vergleicht *Colin Murray Parkes beispielsweise den Schmerz trauernder Witwen mit dem Verlust eines Arms. Trotz Unterschieden gibt es Parallelen, und ähnliche Vergleiche finden sich auch bei Zitaten trauernder Eltern. Ihre Aussagen ähneln in gewissem Maße sowohl Trauerreaktionen um Menschen als auch den Verlustäußerungen von Tierhaltern.

Die Forschung von *Colin Murray Parkes, insbesondere seine Arbeit aus dem Jahr 1975, beleuchtet die Trauerprozesse bei verschiedenen Verlustarten. Parkes stellte fest, dass sowohl Witwen als auch Amputierte ähnliche Trauerphasen durchlaufen, beginnend mit einer initialen Betäubung, gefolgt von ruheloser Sehnsucht, gedanklicher Beschäftigung mit dem Verlust und klarer Erinnerung an das Verlorene. Dazu kommen Gefühle der Präsenz des Verlorenen und Abwehrverhalten wie Akzeptanzschwierigkeiten und das Vermeiden von Erinnerungen. Interessanterweise zeigte seine Forschung, dass die Intensität der Trauer bei Witwen zunächst höher ist und im Verlauf des Folgejahres deutlich abnimmt, während sie bei Amputierten nahezu unverändert bleibt.

Die gesellschaftliche Akzeptanz von Trauer variiert jedoch stark. Der Verlust eines Haustieres wird oft bagatellisiert oder nicht ernst genommen. Betroffene Tierhalter stoßen auf Unverständnis, Abwertung und Aussagen, die auf die Ersetzbarkeit des Tieres hinweisen. Laut *Jean-Claude Wolf ist die Trauer um Tiere Ausdruck einer vermeintlichen Vermenschlichung oder auch Anthropomorphismus. Er behauptet, dass diese Trauer oft nicht durch Tierliebe motiviert sei, sondern durch unbefriedigte Bedürfnisse der Halter. Solche Annahmen führen dazu, dass viele Halter ihre Trauer minimieren, rationalisieren oder unterdrücken, was den Umgang mit dem Verlust zusätzlich erschwert.

*Exkurs: *Jean-Claude Wolfs Artikel "Humanismus oder warum wir keine Tiere sind" beschäftigt sich mit den philosophischen und ethischen Unterschieden zwischen Menschen und Tieren. Er erörtert Konzepte wie den Humanismus, die moralische Verantwortung und die symbolische Ordnung, die Menschen von anderen Spezies unterscheiden. Dabei bezieht er sich auch auf die Ideen von Wladimir Solowjew, der über die Überlegenheit des Menschen und die Fähigkeit, Scham zu empfinden, reflektiert. Wolf hebt die besonderen moralischen Verpflichtungen hervor, die Menschen Tieren gegenüber haben.

Auch der Tod eines Menschen wird nicht automatisch mit Verständnis begleitet. Perinataler Tod (während der Geburt, Totgeburt) zum Beispiel wird häufig aufgrund der fehlenden sozialen Lebensgeschichte des Kindes marginalisiert, obwohl es für die Eltern bereits eine enge Beziehung zum Kind in Form von Hoffnungen, Träumen und Plänen gegeben hat. Ähnliches gilt für andere nicht sichtbare oder anerkannte Verbindungen, die ebenfalls zu entrechteter Trauer führen können. Diese entsteht, wenn Beziehungen nicht anerkannt, Verluste nicht gewürdigt und Trauernde ausgeschlossen werden oder wenn Todesumstände und Trauerreaktionen kulturell oder individuell als fremd empfunden werden.

Insgesamt lassen sich bei allen Unterschieden zwischen der Trauer um Tiere und Menschen grundlegende Ähnlichkeiten erkennen. Ein Vergleich dieser beiden Trauerarten gestaltet sich jedoch schwierig, da die Forschung über keine einheitlichen Messmethoden verfügt – ein Ansatz, der aufgrund der Vielfalt und Individualität von Trauer vermutlich wenig sinnvoll wäre.

Trauer entsteht stets durch den tatsächlichen oder drohenden Verlust eines besonderen Wertes (bspw. auch Partnerschaft, Heimat, Job). Intensives Verlustempfinden ist daher nicht zwangsläufig an den Tod eines Menschen oder Lebewesens gebunden und bleibt eine zutiefst subjektive Erfahrung.

Eure Petra von CanisLogisch®  - zert. Trauerbegleiterin


Literaturverzeichnis:

Bowlby, John (1980): “Attachment and Loss. Volume III. Loss, sadness and depression”. New York.

Parkes, Colin Murray, Bernard Benjamin und Roy G. Fitzgerald (1969): Broken Heart: A Statistical Study Of Increased Mortality Among Widowers. In: The British Medical Journal 1 (5646). S. 740-743.

Parkes, Colin Murray (1970): The psychosomatic effects of bereavement. In: Hill, Oscar W. (Hrsg.): Modern Trends in Psychosomatic Medicine II. London. 

Parkes, Colin Murray (1975a): Determinants of outcome following bereavement. In: OMEGA - Journal of Death and Dying 6 (4). S. 303-323. 

Parkes, Colin Murray (1975b): Psycho-social Transitions: Comparison between Reactions to Loss of a Limb and Loss of a Spouse. In: The British Journal of Psychiatry 127 (3). S. 204-210. 

Wolf, Jean-Claude (2015): Humanismus oder warum wir keine Tiere sind. In: TIERethik. Zeitschrift zur Mensch-Tier-Beziehung. Heft 10. Sind wir Tiere? S. 25-38.

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